Kapitel 1 – Ankunft
05. Oktober 2002
Der Sturmflug
Ich war siebenundzwanzig, als ich nach Mexiko ging.
Ich wusste nicht genau, was ich dort suchte – nur, dass ich wegmusste.
Der Flug verlief eigentlich ruhig. Nur zwei kurze Turbulenzen ließen die Maschine einmal leicht absacken. Für die meisten Passagiere war das kaum der Rede wert.
Für mich schon.
Ich hatte Flugangst und machte während der ganzen Reise kein Auge zu. Die Maschine war bis auf den letzten Platz voll. Um mich herum saßen Menschen auf dem Weg in den Pauschalurlaub – fröhlich, erwartungsvoll, laut. Neben mir zwei Jurastudentinnen, mit denen ich die nächsten zwölf Stunden auf engstem Raum verbrachte. Viel zu sagen hatten wir uns nicht.
Mein erster Eindruck von diesem Land war schließlich ein tropischer Sturm über Cancún.
Während unseres Landeanflugs tobte ein Sturm mit Hurrikan-Ausläufern. Die Maschine wurde in der Luft hin und her geschleudert. Menschen im Flugzeug begannen zu wimmern und unterdrückt zu schreien. Wäre ich nicht angeschnallt gewesen, wäre ich vermutlich vom Sitz gefallen.
Ich dachte nur:
Das war’s jetzt.
So ein Ärger – nach diesem langen Flug kurz vor der Ankunft abzustürzen. Echt doof.
Ausgerechnet hier also. Neben zwei Frauen, mit denen ich mir nicht einmal etwas zu sagen hatte, sollte ich jetzt tapfer ganz allein sterben.
Doch zu meiner großen Überraschung setzte die Maschine schließlich doch auf der Landebahn auf.
Erst ein Ruck. Dann noch einer.
Und schließlich rollten wir tatsächlich über den Asphalt.
Für einen Moment war es vollkommen still im Flugzeug. Als ob jeder diesen Moment brauchte, um sich zu vergewissern, dass die Maschine weder auseinandergebrochen war noch in Flammen stand.
Dann brach ein Applaus los, wie ich ihn noch nie gehört hatte.
Alle waren glücklich, dass sie weiterleben durften. Und sogar ich klatschte mit.
Erst später erfuhr ich, dass viele Flugzeuge aus den USA gar nicht landen durften und wieder abdrehen mussten. Unser Pilot hatte schlicht keine Wahl gehabt: Nach diesem langen Flug war nicht mehr genug Treibstoff in den Tanks.
Wir mussten landen.
Die Bio-Sauna von Cancún
Als ich aus dem Flugzeug stieg, fühlte sich die Luft an wie eine Bio-Sauna.
Heiß. Feucht. Schwer.
Und irgendwo tief in meinem Bauch hatte ich plötzlich dieses seltsame Gefühl, dass mich niemand abholen würde.
Leider sollte sich genau dieses Gefühl als richtig herausstellen.
Keine Jana.
Kein Christoph.
Und auch kein Sebastian.
Ich war durstig, am Ende meiner Kräfte und musste noch dreißig Kilo Gepäck schleppen.
Unter der Last drohte ich schon zusammenzubrechen.
Also setzte ich mich erst einmal auf eine Treppe, schnallte mein Rucksack ab und rauchte eine Zigarette.
Der Sturm tobte noch immer. Ich wunderte mich über die erstaunliche Beweglichkeit der Palmen. Sie hätten nach meiner Meinung alle abbrechen müssen, so sehr bogen sie sich im Wind gen Boden.
In diesem Moment wusste ich:
Es ist okay.
Ich bin in Mexiko.
Nicht abgestürzt.
Und noch am Leben.
Meine Geschichte geht weiter.
Ich zog den Rauch meiner Zigarette mit dem mexikanischen Wind in meine Lunge und dachte:
So sei es.
„Katy?“
Plötzlich sprach mich ein Amerikaner an.
„Katy?“
Ich dachte zuerst, das könne gar nicht sein – schließlich trage ich kein Namensschild um den Hals. Ich drehte mich in alle Richtungen, doch es war niemand weiter da.
Nur ich saß hier auf der Treppe und rauchte.
Skeptisch antwortete ich mit „Ja?“.
Er sprach kein Englisch, und ich kein Spanisch.
Also standen wir im Sturm und versuchten herauszufinden, was los war.
Schließlich wählte er eine Nummer auf seinem Telefon und drückte mir den Hörer in die Hand.
Am anderen Ende war eine gewisse Andrea, eine Freundin von Jana aus Amerika.
Sie erklärte mir, dass ich mir keine Sorgen machen solle und dass sich Roberto um mich kümmern würde, bis die Fähren wieder nach Cozumel fahren.
Die Insel war nämlich vom Festland abgeschnitten.
Bei diesem Sturm ging weder eine Fähre noch ein Flugzeug.
Norma
In diesem Moment begann es fürchterlich zu regnen.
Roberto musste mich nicht lange überreden. Wir sprangen schnell in sein Auto und fuhren los.
Er holte noch seine Freundin Norma ab, die Englisch sprach, und gemeinsam fuhren wir nach Cancún.
Norma nahm mich bei sich auf.
Es war Sympathie auf den ersten Blick.
Ich schlief in ihrem Zimmer, während sie auf dem Sofa im Wohnzimmer übernachtete. Ich war viel zu müde, um noch irgendetwas zu registrieren.
Am nächsten Morgen gingen wir gemeinsam frühstücken und unterhielten uns lange.
Und in meinem Kopf klickte plötzlich etwas.
Hey. Ich bin in Mexiko.
In einer fremden Wohnung mit wildfremden Mexikanern.
Ich dachte nur:
Es ist kein Zufall, dass ich Norma getroffen habe und Jana mich nicht abholen konnte.
Ich genoss jeden Augenblick.
Mein erstes Mexiko
Mit ihrer ganzen Familie – der Tante, dem Onkel, ihrem Bruder – machten wir sogar einen Ausflug nach Tulum zu einer alten Maya-Stätte.
Ihre Familie war gleichzeitig wohlhabend und unglaublich herzlich.
Ich durfte nichts bezahlen – keinen Eintritt, kein Mittagessen, gar nichts.
Und obwohl außer Norma niemand Englisch sprach, waren alle unglaublich freundlich zu mir.
Das Schönste für mich war, dass ich sofort mitten ins mexikanische Leben hineingeraten bin.
Trotzdem fühlte ich mich merkwürdig fehl am Platz. Ich lebte aus meinem Rucksack im Zimmer von Norma, verstand kaum, was um mich herum gesprochen wurde, und fühlte mich wie ein Kuckucksgast, der im falschen Nest gelandet war. Mein Englisch war sehr holprig, Spanisch konnte ich noch gar nicht. Manchmal saß ich einfach da und lächelte höflich – oder eher unsicher –, weil mir nichts anderes übrig blieb.
Montag bin ich gelandet.
Mittwoch war ich dann endlich bei Jana auf der Insel.
Die Fähren fuhren wieder, und ich konnte nach Cozumel übersetzen.
Noch immer habe ich Kontakt zu Norma. Und ich bin sicher, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden.
Hitze
Nun wollt ihr sicher viel von mir erfahren, und deshalb schreibe ich einfach einmal auf, wie das Leben hier auf der anderen Seite der Erde ist.
Als Allererstes: Es ist unglaublich heiß und feucht hier.
Über die Mittagsstunden ist fast nichts los. Viele Geschäfte schließen sogar und halten mehrere Stunden Mittagspause – „Siesta“.
Da diese Insel hauptsächlich vom Tourismus lebt, können sich das zwar nicht alle leisten, aber ich kenne es schon aus Amerika. Damals, als ich in Arizona war, war das ganz ähnlich.
Jana und ich sind dann meist zu Hause und entspannen.
Der Ventilator läuft hier Tag und Nacht. Im Haus gibt es gleich drei davon. Die Klimaanlage wird nur eingeschaltet, wenn sich jemand im Haus aufhält.
Die meisten Geschäfte sind ebenfalls klimatisiert – aber wenn man dann wieder aus dem Café oder dem Laden nach draußen tritt, läuft man regelrecht gegen eine Wand aus Hitze, und der Schweiß läuft sofort.
Das Geld, das wir zu Hause für Heizung ausgeben, geht hier locker jeden Monat für Klimaanlage und Ventilatoren drauf.
Der Nebeneffekt dieser Hitze ist, dass man hier alles viel langsamer macht – oder machen muss.
Wenn der Himmel bedeckt ist, wird es etwas angenehmer. Selbst nachts schläft man unter dem laufenden Deckenventilator – am besten ganz ohne Decke oder nur mit einem Laken.
Wasser
Das Wasser aus der Leitung kann man hier nicht trinken und auch nicht zum Kochen verwenden.
Deshalb steht bei uns immer ein großer 20-Liter-Kanister mit einem kleinen Wasserhahn. Der reicht vielleicht zwei oder drei Tage, dann muss neues Wasser her.
Und weil man bei dieser Hitze solche Kanister kaum selbst nach Hause schleppen kann – und weil die Mexikaner für alles eine Lösung zu haben scheinen – gibt es hier kleine Mopeds mit Ladefläche, die durch die Straßen fahren.
Ihre Hupe hupt nicht. Sie spielt eine kleine Melodie.
Immer wenn man diese Melodie hört, rennt man auf die Straße, ruft dem Fahrer zu oder hält ihn einfach an und tauscht seine leeren Kanister gegen volle – für eine lächerlich geringe Bezahlung.
Ihr fragt euch vielleicht, was passiert, wenn man nicht schnell genug auf der Straße ist.
Nun, von diesen Gefährten fahren einige täglich die Straßen rauf und runter.
Und sonst kann man die Kanister natürlich auch im Laden kaufen und selbst nach Hause schleppen.
Geckos und Leguane
Statt Mäusen bringen Janas Katzen übrigens immer Geckos nach Hause.
Und ich habe hier schon einen riesigen Leguan gesehen, der sich auf der Mauer sonnt. Christoph hat ihn im Garten entdeckt.
Wenn es regnet, dann meist richtig – aber dafür nicht lange. Nach fünf Minuten ist meist alles wieder trocken.
Als hätte die Sonne jeden einzelnen Tropfen aufgeleckt.
Eine neue Welt
Die Lebensmittel sind wesentlich billiger als bei uns zu Hause, und es gibt natürlich viele Dinge, die ich selbst gar nicht kenne.
Auf der Insel Cozumel sprechen die meisten Englisch – wegen des Tourismus, von dem die Insel lebt.
Aber schon auf dem Festland spricht kaum noch jemand Englisch.
Deshalb muss ich natürlich Spanisch lernen.
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